Achterbahn Epilepsie

Sonntag Morgen, die Sonne scheint auf das verschlafene Gesicht, die Brötchen liegen schon im Körbchen, der Kaffee duftet und vor einem liegt ein toller Tag mit der Familie. Epilepsie, ja und??? Wen interessiert die schon?

 

Mittags am See kitzelt der warme Wind die Nase und lässt die Haare herrlich wehen, während die Sonne auf dem Wasser glitzert. Herrlich!!! Vor wenigen Jahren noch wäre das nicht möglich gewesen, da war man noch nicht anfallsfrei und gehörte zu den wenigen Prozent von Epilepsiekranken die von Flackerlicht Anfälle bekommen, aber jetzt, jetzt hat man durch die Tabletten alles im Griff und kann es auch genießen. Die Welt kann so schön sein.

 

Abends im Bett denkt man noch lange darüber nach wie positiv sich doch alles entwickelt hat im Gegensatz zu früher, als man verzweifelt gegen die Anfälle kämpfte und im Dunkeln tappte. Man schläft dankbar, mit einem Lächeln im Gesicht, ein.

 

Als man montags wieder aufwacht sind die Beine wie Blei, die Augen wollen einfach nicht auf gehen und das Geschrei der Kinder macht einen beinahe wahnsinnig. Dünnhäutig ist man geworden, schwerfällig, antriebsarm, nicht belastbar. Das sind die Tabletten, manchmal schlagen die Nebenwirkungen eben wieder zu. Nicht immer gleichbleibend, je nach Tagesform mal mehr oder mal weniger aber an diesem Tag eben nicht mehr zu ignorieren. Während man sich und seinen Körper quält steigt erneut die unterdrückte Wut auf. Warum??? Warum muss ich so viele Tabletten schlucken, warum muss ich Epilepsie haben, warum bekomme ich keinen Arbeitsplatz, warum bin ich gereizt? Und überhaupt, warum ich???

 

Gestern noch, als man den Mann im Rollstuhl sah, war man dankbar dass man nur Epilepsie hat. Gestern noch, als man in den Nachrichten die Katastrophenmeldungen gesehen hat, war man dankbar hier zu leben – in relativer Sicherheit. Gestern noch, als man die alten Fotoalben durchsah und Bilder gesehen hat aus Zeiten wo man viele Anfälle hatte, war man dankbar für die Fortschritte der Medizin und die Medikamente. Aber gestern ist nicht heute. Vergessen ist der Weitblick, die Dankbarkeit und das tolle Lebensgefühl von gestern. Heute ist nicht gestern, heute sind die alten Schatten wieder da. Die Schatten von denen wir uns allzu oft mitreißen lassen. Und wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, wissen wir ja auch dass wir vor den Anfällen nie sicher sind. Genau wie kein anderer Mensch, der Unterschied ist nur, wir wissen was es bedeutet Anfälle zu haben, während der überwiegende Teil unserer Mitmenschen keine Ahnung hat das auch er eine Wahrscheinlichkeit von 5% hat einen epileptischen Anfall zu bekommen. Wir kennen die Macht die uns überwältigt, uns die Zügel aus der Hand reißt und uns ins Straucheln kommen lässt.

Aber genau das kann auch ein Vorteil sein. Wir kennen es und tief in unserem Innern erwarten wir es auch. Und das ist das eigentliche Problem. Wenn uns dann ein Freund sagt, denk an die alte Weisheit von Reinhold Niebuhr „Lieber Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hin zu nehmen die ich nicht ändern kann, gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. „ dann wissen wir das er recht hat.

Es nützt uns nichts zu trauern, zu neiden oder zu jammern. Unsere Unzufriedenheit wird nur größer und unsere Stimmung nur noch schlechter.

 

Im Inneren wissen wir ja auch dass es kaum einen Menschen auf der Erde gibt der nur mit Glück und ganz ohne Schmerzen gesegnet ist. Jeder trägt sein Päckchen auf seine Weise, der eine früher, der andere später. Und schauen wir uns in der Welt um, entdecken wir, dass bei uns selbst die Ärmsten noch mit einem Computer ausgestattet sind. Hören wir uns um, dann merken wie sehr schnell, dass viele Menschen um uns herum auf sehr hohem Niveau jammern. Ganz ohne Epilepsie und ich denke mir „wenn Ihr wüsstet“. Bevor ich mich von solchen Jammereien herunter ziehen lasse, meide ich solche Diskussionen und versuche mich mit fröhlichen Menschen zu umgeben. Die lassen mich vergessen wie schwankend ich manchmal bin.

 

Trotzdem kann man ja nicht immer raus gehen und seinem Innersten trotzen. Und manchmal ist einem auch ein herrlicher Sonntag zu viel. Da ist das sonst so herrliche Vogelgezwitscher plötzlich Geschrei im Kopf und der verständnisvolle Partner versteht die Welt nicht mehr. Nicht umsonst ist die Depressionsrate bei Epilepsiekranken höher als unter der Normalbevölkerung.

 

Oft ist es ein schleichender Prozess. Ein Prozess den wir selbst kaum bemerken. Und doch sollten wir ihn nicht ignorieren. Wir Epilepsiekranken brauchen einfach die Zeit für die Prozesse die in uns ablaufen. Eine Epilepsie ist eben nicht nur ein gebrochener Arm. Epilepsie ist auch heute noch Stigma, Tabu, Einschränkung und Unsicherheit. Eine andauernde Riesenbelastung, aber auch eine Chance. Eine Chance für den Mut, Dinge zu ändern, die man ändern kann. Klären wir zuerst uns auf und dann alle anderen und das Tabu wird Risse bekommen. Gleichzeitig wird auch unsere Unsicherheit schwinden und uns Selbstbewusster werden lassen (siehe unsere berühmten Vorgänger). Und ganz nebenbei können wir noch Menschen helfen. Doch wir sollten dabei auch nicht vergessen dass es trübe Montage gibt, wo uns alles schwer fällt. Vielleicht schaffen wir es ganz alleine durch diese Montage, vielleicht sollten wir aber auch Hilfe annehmen, sei es in Form von guten Gesprächen, durch eigenes aufschreiben seiner Belastungen oder ganz klassisch auch in einer längeren Therapie gegen mehr als nur schwarze Montage.

 

Epilepsie ist eine Berg- und Talbahn. Mal geht’s hinauf und mal hinab. Und meist entzieht sich diese Fahrt unserer Steuerung. Ein zu langes Hinauf rächt sich bei uns Epileptikern manchmal auch durch ein rapides Bergab. Geben wir beiden Strecken nicht zu viel Raum und versuchen wir unser Leben wieder auf eine Gerade zu bringen. Harmonie in uns selbst zu finden und die Höhen und Tiefen als eine Nebenwirkung zu sehen. Eine Nebenwirkung die wir nicht ändern können, die wir vielleicht aber etwas gelassener nehmen könnten, wenn wir daran arbeiten.

 

In diesem Sinne wünsche ich allen eine gute Tagesform

 

Ihre Anja D.-Zeipelt

 

 

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Kommentare: 9
  • #1

    Anja (Mittwoch, 25 Mai 2011 09:59)

    Übrigens ist das ein fiktives Beispiel, entspringt nur meiner Fantasie. Ich wollte es absichtlich etwas überspitzt darstellen ;-)

  • #2

    Dieter (Mittwoch, 25 Mai 2011 10:30)

    Mag ja sein , dass es fiktiv ist. Aber es steckt sehr viel Realität drin ;-) . Das kann man sich nicht ausdenken, das hat man erlebt !!
    Ich finde es ganz hervorragend, dass die Auf und Abs so drastisch erwähnt werden. Meistens verdrückt man sich doch ins stille Kämmerlein :-(
    Daumen hoch! Mach weiter so, richtige Mutmacherei und Aufrüttlung tut Not .

  • #3

    Simone (Mittwoch, 25 Mai 2011 18:06)

    Hallo Anja,
    auch wenn vielleicht zu fiktiv und deiner Fantasie entsprungen, können sich aber viele hineinversetzen.
    Auch machst du wieder anderen Mut, sich nicht in eine Schneckenhaus zu verkriechen.
    Mach weiter so.

  • #4

    Dieter (Montag, 30 Mai 2011 22:06)

    Ich durfte am letzten Wochenende eine sehr schöne Erfahrung machen. Bei einem Lachjoga-Seminar durfte ich die Stärken des Lachens kennenlernen. Wer viel lacht ist glücklicher, erfolgreicher und gesünder. Diese alte Medizin lachen, ist rezepzfrei, kostet nichts, hat keine Nebenwirkungen (ausser Bauchmuskelkater) und ist gesund. Ich habe es schon ausprobiert, lache Deinen Gegenüber an, Du wirst sehen, es kommt etwas zurück. Eine Zusattztherapie die auch bei uns Epileptikern grosse Wirkung haben kann. Fröhliche Menschen haben Lachfalten, keine Sorgenfalten und da kann man schon mal drüber lachen ;-) Ich wünsche Euch immer ein Lächeln, auch wenns einem manchmal zu heulen ist.
    Dieter

  • #5

    Marco (Dienstag, 31 Mai 2011 15:43)

    Hallo,
    :-)
    Ich finde da überhaupt nicht so viel Fiktivität drin.
    Jeder Epileptiker hat schon mal Nebenwirkungen gehabt, denke ich, mal mehr mal weniger. Aber ich glaube bei den meißten sind es wohl mehr.

    Marco :-)

  • #6

    Rainer (Mittwoch, 01 Juni 2011 11:08)

    Mag schon sein, daß es ein fiktives Beispiel ist. Aber erkennen wir uns nicht alle auf irgendeine Art und Weise darin wieder?
    Leider ist es Teil unserer Gesellschaft, das ständig gejammert wird. Geht es uns denn wirklich so schlecht? Eindeutig nein. Ich denke, es ist die Folge des Überflusses, den wir täglich genießen. Man weiß einfache und schöne Dinge im Leben überhaupt nicht mehr zu schätzen.
    Ist es nicht sinnvoll anstatt mitzujammern sich aufzubauen und am Leben zu erfreuen. Jeder von uns (unabhängig von Stellung, Beruf usw),kann auf Dinge zurückblicken, auf die man Stolz ist, was man erreicht hat(sei es noch so klein). Ist es da nicht besser dieses zu sehen, anstatt das, was andere haben, einem selbst aber versagt bleibt.

    Rainer

  • #7

    Anja (Mittwoch, 01 Juni 2011 18:40)

    Schöner Beitrag Rainer!!!

  • #8

    Dieter (Montag, 06 Juni 2011 22:03)

    Achterbahn Epilepsie? ok. ich geb Dir recht, Epilepsie ist ein stetiges auf und ab. Aber ist das Leben allgemein nicht schon so ein auf und ab? Kann Kann man denn alles auf die Epilepsie schieben? Die Anzahl der Unzufriedenen Leute sagt einiges aus. Das Leben allgemein ist besch-euert. Jeder, ob arm oder reich hat gesundheitliche Probleme. Die einen fressen ihre Sorgen in sich rein, die anderen schikanieren wegen ihren Problemen andere Leute. Was ist da wohl besser? Ein Mittelding wirds wahrscheinlich nie geben. Aber ein auf und ab wird immer sein, egal ob krank oder gesund. Ein schöner Dialog wie dieser hier, kann ein Schritt zue waagrechren sein.

  • #9

    Anja (Montag, 13 Juni 2011 18:40)

    Da hast Du sicher recht :-D