Perfekter, Schöner, Gesünder - leben in einer verdrehten Welt

Wenn man sich umschaut ist es schon unfassbar mit welch verdrehter und manipulierter Wahrnehmung wir mittlerweile uns und unsere Umwelt wahr nehmen. Nicht nur über Epilepsie und ihre Behandlung, nein auch über andere Dinge, die unsere Großeltern noch als Wunder sahen und uns als selbstverständlich erscheinen.

 

Und die Medien sind daran nicht ganz unschuldig...

 

Sicher, früher hatte man auch Angst vor Epilepsie, aber wenn man ehrlich ist, kannte man ja nur die Grand mals. Wer hätte denn schon wegen einer Absence oder eines kurzen fokalen Anfalls Panik oder gar Angst bekommen? Man hatte Angst wenn jemand stürzte, krampfte und Schaum vor dem Mund hatte–eben weil das so gefährlich aussieht. Damit galt man auch als geistig behindert und wer Pech hatte, geriet in die Hände von dubiosen Ärzten die in Kriegszeiten Experimente an den Patienten durchführten, aber diese Zeiten sind ja Gott sei Dank vorbei.

 

Epilepsie hat heute eine ganz andere Rolle in unserem Leben, könnte man meinen. Aber ist das wirklich so? Man könnte diese Rolle aufteilen, in verschiedene Personenkreise. Die Forschung und Medizin lernt immer mehr über diese Krankheit und kennt heute Formen der Epilepsie die früher niemals jemand bemerkt hätte.

 

Die Medien berichten mittlerweile auch über Epilepsie. Leider aber meist nur wie es gerade profitabel passt. Lieblingswerkzeug „epileptischer Anfall“ für Krankenhaus- und Arztserien. Ärzte und Schwestern schreien sich panisch an, der Krampfende wird fest gehalten und mit Notfallmaßnahmen gerade nochmal so „gerettet“. Die Szene im TV dauert doppelt so lange wie im richtigen Leben und jeder Angehörige eines Epilepsiepatienten bekommt Panik.

 

Auch die Zeitungen halten sich nicht zurück wenn es um ihre Epilepsieberichte geht. Bei mir wurde aus einem Sturz auf den Kopf mit einem kleinen Haariss (den die meisten Ärzte nicht mal im MRT erkannten) bei der Presse ein Schädelbasisbruch. Hört sich doch gleich viel besser an. Angebote des TV musste ich auch ablehnen, die Vorgabe von Dramaturgie konnte ich nicht mit meinen Überzeugungen vereinbaren. Und so geht es mehreren Menschen die bereit wären etwas über sich zu erzählen. Auf diese Weise halten sich veraltetes Wissen und Vorurteile über Epilepsie hartnäckig und nur wenige Zeitungen berichten sachlich und nach neuestem Wissensstand über die verschiedenen Formen der Epilepsie.

 

Das Wissen in der Öffentlichkeit scheint mir dasselbe zu sein wie zu der Zeit als noch ein Nachttopf unter dem Bett stand und die Menschen täglich um 5:00 Uhr ins Feld gingen. Als es weder Telefon, noch Fernsehen oder Autos in jedem Haushalt gab, in dieser Zeit scheinen wir in vielen Medienberichten stehen geblieben zu sein. Kleine harmlose Anfälle werden komplett ignoriert (zu unspektakulär), große Anfälle dramatisiert. Wen wundert es da, dass wir Epilepsiebetroffenen kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben oder sich manche Betroffenen gar verstecken.

 

Wir bekommen vorgegaukelt wie wir heute zu sein haben. Perfekt, schöner, schlanker, fitter, gesünder. Wem die Kniescheibe vor Dürrheit nicht vorsteht wird in manchen Zeitungen schon als zu dick bezeichnet, die Brüste müssen aufgepolstert sein und Falten sind nur was für arme Leute. Ohne Abitur ist man ein Nichts und die Hände macht man sich am besten auch nicht mehr schmutzig. Dieses verzerrte Weltbild macht es Kranken heutzutage noch schwerer. Wobei ich Epilepsie ungerne als Krankheit und diese Ansichten noch weniger gern als gesund und normal bezeichnen möchte.

Wirklich krank sind doch alle jene die uns eine perfekte und schöne Welt vorgaukeln, die so nicht natürlich ist. Der lächelnde Behinderte ist in meinen Augen viel schöner als das versnobte Supermodel. Der ehrliche Arbeiter viel reicher als der profitgeifernde Millionär und wir Epilepsiebetroffenen viel gesünder als die Silikon bearbeiteten 25 jährigen.

 

Man sollte sich vor Augen halten was wirklich zählt, nicht nur früher sondern auch heute noch. Familienzusammenhalt, eine gute Erziehung für unsere Kinder, Freunde und natürlich ein warmes Dach über dem Kopf, was traurigerweise allesamt heute nicht mehr selbstverständlich ist.

Wir sollten herunter kommen von unserem hohen Ross, denn all unsere Jammerei ist lamentieren auf höchstem Niveau. Den meisten von uns stehen bessere Medikamente und eine große Medikamentenauswahl zu Verfügung, wir haben zu Essen und ein Dach über dem Kopf. Ärzte sollten Patienten als Menschen sehen, aber auch Patienten sollten sehen das Ärzte nur Menschen sind. Und die Medien? Die sollten sich mal wieder auf das besinnen was wir von den Medien erwarten können. Niveauvolle Unterhaltung und wahrheitsgemäße Information. Ohne Kleidung sind wir alle gleich. Wir sollten dankbar sein für die Möglichkeiten die wir heute haben und uns erinnern wie es in Deutschland noch vor 60 Jahren war.

 

Dazu können wir alle einen winzigen Beitrag leisten, aber den größten Anteil daran haben unsere Medien. Es wäre schön, wenn das was wir täglich sehen und lesen endlich wieder der Realität und dem echten Leben entspricht und nicht von einem Programmdirektor oder Redakteur verzerrt würde. Kein Mensch ist nur intelligent oder nur dumm, Niemand ist nur krank oder nur gesund und ich kenne keinen der nur schön oder nur hässlich ist. Wir alle sind alles. Ob Millionär oder Bettler, ob Model oder Freak, Gesundheitsminister oder Patient, Sie, ich, Ihr und wir. Wie man es auch dreht und wendet, am Ende sind wir alle nur eins: Menschen und der Natur unterworfen und es wäre an der Zeit das endlich wieder zu akzeptieren.

 

Ihre nachdenkliche Anja D.-Zeipelt

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Kommentare: 1
  • #1

    Dieter (Freitag, 24 Februar 2012 11:55)

    Hallo Anja,

    das Thema , Depressionen- Heute - Früher, geht mir an die Nieren. Du hast ja so realistisch die damalige Zeit formuliert, Kompliment, das hätte ich von einer so jungen Frau nicht erwartet. Du kennst ja alles
    nur vom hörensagen, aber das ist alles haagenau richtig!!!!
    Wie Du ja weißt habe ich diese Zeit voll miterlebt und kann alles nachvollziehen. Es gab damals keine Seelenklempner, die Zeit hatte man gar nicht. Die Leute haben alles in sich reingefressen. Und ich möchte mal behaupten, dass 30-40% der damaligen Leute seelisch am Ende waren.
    Aaaaaber, und jetzt kommts, genau diese
    Leute (man nannte sie auch Trümmerfrauen) haben den Grundstein für unser sogenanntes Wirtschaftswunder gelegt. Über seelische Schmerzen oder Krankheiten wurde nie geredet. Die meißten wurden stumm!
    Ich könnte Dir noch viel über die damalige Zeit schreiben, aber ich weiß nicht recht, ob das jemanden noch interessiert. Auf jeden Fall bin ich
    sehr froh und auch beruhigt, dass die Nachfolgegeneration so realistisch
    denkt. Ich Danke Dir für den Beitrag, er ist mir sehr nahe gegangen.
    Ganz lieber Gruß
    Dieter