Wieviel gilt der Patient manchen Ärzten

 

Das ist, zugegebenermaßen, eine sehr provokante Frage – die ich jedoch unbedingt in den Raum stellen möchte.

 

Ich habe in den letzten 13 Jahren meiner Epilepsie nun die 10. Medikamentenumstellung hinter mir und bin bekanntermaßen auch aufgrund meiner Tätigkeiten als Epilepsie „Insider“* nicht ganz unwissend. Deswegen bin ich bei den letzten Umstellungen bereits dazu übergegangen, den Beipackzettel in die liebevollen Hände meines Mannes zu geben und ihn nur im Notfall abgleichen zu lassen.

 

Diese Variante funktioniert auch tadellos, zieht man auch ungewöhnliche Nebenwirkungen in Betracht, was wir leider komplett ignorierten. So schob ich meine andauernden Ohren und Lymphdrüsenschmerzen auf einen Infekt, den ich mit Ibuprofen zu bekämpfen suchte. Doppeltsehen passte in die Kategorie Migräneaura, die mein Arzt mir einmal diagnostizierte, während Schwindel, Kopfschmerzen, Verwirrung und „Watte im Kopf“ zu den Entzugserscheinungen geschoben wurde, die ja sicher beim ausschleichen des alten Medikamentes auch einmal auftreten mussten.

 

Die extreme Müdigkeit und Nichtbelastbarkeit bekam das Frühjahr zugeschoben und zweimal täglich wurde zusätzlich geschlafen. An Geburtstage feiern, selbst meinen eigenen, war nicht mehr zu denken.

 

Ich war also wirklich äußerst bemüht, alles positiv zu sehen. Bis dann offensichtlich wurde, dass es weitaus schlimmer war als gedacht. Ich sah Dinge wie kein anderer, fiel in depressive Episoden und wurde so verwirrt, dass es gefährlich wurde – für mich und mein Umfeld.

Zwei, drei anfallsartige Begebenheiten in wenigen Tagen machten das Paket komplett.

 

Dass mein Hausarzt meine Infekte auch noch als Nebenwirkungen entlarvte, machte die Sache nicht besser. Ich fiel in ein tiefes Loch und versuchte meinen Neurologen zu erreichen. Brückentag – natürlich!

 

Montags darauf schaffte ich es – wie durch ein Wunder - tatsächlich durchzukommen. Denn für Kassenpatienten gibt es bei meinem Neurologen nur drei Stunden am Tag die Möglichkeit anzurufen. Ich solle sofort kommen, meinte die Dame, es müsste umgestellt werden, aber mein Arzt wäre im Urlaub.

 

Dass dieser Umstand nicht gut sein konnte, war mir schon klar. Ich hatte schon sehr viele Menschen mit vielen Horrorgeschichten in Sachen „Arzt und Epilepsie“ kennen gelernt und auch mein erster Neurologe war eine einzige Katastrophe, den mein soziales Leben einen Dreck scherte. Doch ich war heute ja nicht mehr unwissend und konnte mich verbal erklären, das sollte so schwer nicht sein, dachte ich.

 

Dummerweise saß ich schlussendlich dann doch einige Stunden im Wartezimmer und mein Hirn stand in Kombination mit den Nebenwirkungen, die ich so bemängelte, ganz auf Konfrontationskurs. Ich stammelte und rang nach Worten, als ich dann endlich aufgerufen wurde. Zudem war der Arzt scheinbar schon weit in seiner Pause. Schlecht, ganz schlecht, dachte ich.

 

Doch den Arzt interessierte das sowieso herzlich wenig. Er wolle meine Nebenwirkungen garnicht wissen. Er meinte, das führe zu weit! Er würde mich sowieso nicht umstellen. Das Medikament wäre gut! Ich rang um Fassung. Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich nicht mal in der Lage wäre, ein paar Stunden zu arbeiten. Genauer gesagt, war ich ja nicht einmal in der Lage ein paar Stunden wach zu bleiben. Ich versuchte ihm irgendetwas zu erklären, keine Chance.

 

Es interessierte ihn schlicht nicht. Ich hätte auch ein Kuscheltier im Regal sein können. Dabei hätte er mir einfach nur die Gelegenheit zu geben brauchen, einen Satz zu Ende zu sprechen oder meinen Zettel zu lesen, den ich in der Hand hielt. Übersichtlich, kurz, knapp, Stichworte in 14er-Schrift – in 3 Minuten hätte man das überflogen und wüsste alles. Aber nein, der Herr fiel mir jedes Mal in Wort und meinte nur dass er das garnicht wissen wolle. Das führe zu weit.

 

Ob ich denn nicht in einer Uni in Behandlung wäre, wenn die Einstellung so schwer sei. Ich sah meine Chance und war einverstanden. Mit einer Überweisung wäre ich schnell hier raus und könnte mich weiter zu einem Fachmann begeben. Meinte dieser Arzt dann doch tatsächlich „das wird der Kollege ihnen sicher nicht ablehnen, sie haben ja im Juli einen Termin!“ Ich dachte, der will mich veräppeln. Ich kam verzweifelt dorthin, weil es mir wirklich, wirklich schlecht ging mit meiner Watte im Kopf, mit meinen Ohren, - Kopf, - und Lymphknotenschmerzen, meiner Verwirrung, meinen Halluzination, meinen depressiven Verstimmungen und meinem Dauerschlaf – von den paar Zittereien will ich gar nicht reden – und der sagte, er wöllte es nicht wissen! Drei Monate hält man sowas ja auch auf einer A … backe aus … natürlich!

 

Ich hatte noch eine Dosisreduktion "rausgehandelt", weil mir Anfälle sehr viel lieber sind als diese Nebenwirkungen. Meine Anfälle sind nicht so stark und vor allem sind sie ja nicht rund um die Uhr. Bei solch einer Behandlung muss man sich aber nicht wundern, wenn Patienten letztendlich eine mangelnde Compliance nachgesagt werden muss.

 

Gerne hätte ich noch gesagt, dass ich in vier Wochen einen Vortrag auf einer Epilepsieveranstaltung halte, um über diese heimtückische Krankheit aufzuklären und da unbedingt fit sein möchte, ohne Halluzinationen, Druck und Watte im Kopf, aber ich denke das Motto „Leben mit Epilepsie“, das hätte ihn sowieso nicht interessiert.

 

Wenn auch Sie liebe Leser, solch einen Arzt kennen oder sogar als behandelnden Arzt haben, dann kann ich Sie nur ermutigen ganz schnell weiter zu suchen. Denn es gibt sie, die guten, netten und vor allem erfahrenen und kompetenten Ärzte, die uns helfen können. Manche Ärzte sind wahre Schätze, die gefunden werden wollen. Viel Glück!

 

 

 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Anja Zeipelt (Montag, 30 Mai 2016 16:09)

    Nachtrag: Ich bin diesem Arzt letztlich dankbar, da ich nun endlich zu einem Epilepsie-Facharzt gegangen bin, den ich schon sehr lange als sehr nett und überaus kompetent bewundere und empfehle. Nach dem Motto: "Der Schuster hat die schlechtesten Leisten", habe ich das viel zu lange vor mir her geschoben, bin aber nun voller Zuversicht auf Besserung. Da lohnt dann auch ein weiter Weg.



  • #2

    dieter (Dienstag, 31 Mai 2016)

    Hallo Anja,
    Ärzte vor allem Hausärzte sind ein Problem. Da geb ich Dir zu 100% recht, aber Du weißt bestimmt auch, dass Epilepsie noch lange nicht rchtig erforscht ist...... Ich lese dass Du ein riesen Problerm hast, aber ich lese auch, dass Du Wege gefunden hast. Trotz Watte im Kopf, oder Haluzinationen. Das zeugt vom starkrn Willen, aber auch von unbändiger Kraft immer wieder ein Ziel vor Augen zu haben. Kämpfe weiter, Du bist nicht alleine. Ich habe ähnliche Probleme, Schlaflosigkeit Nachts, Müdigkeit den ganzen Tag. Kraft-und Saftlosigkeit, manchmal auch Zweifel wie es weitergehen soll. Aber manchmal bekomme ich ungeahnte Kräfte, letzthin hatte ich einen Infoabend, den ich ohne Probleme durchzog. Aber ich ging wieder mal an meine Grenzen, Vorgefühle und Auren ganz neuer Art waren die Folge. Ähnlichkeiten wie bei Dir ließen sich erkennen. ein Mediwechsel mach ich noch nicht, aber ich spiele mit dem Gedanken dies zu tun. Hab die Kraft und den Mut (ich weiß, dass Du stark bist) ann Dich und Dein möglichen Wege zu glauben. Denn auch wir haben ungeahnte Möglichkeiten.... in jedem von uns steckt ein Riese. Der hilft uns immer wieder aufzustehen und weiter zu machen. Nicht zuletzt helfen Familie und Freunde aus Tief`s wieder raus zu kommen. So ist es zumindest bei mir und ich denke, bei Dir auch. Lass Dich ja nicht unterkriegen, denn Du wirst dringend gebraucht. Lass es "gemütlicher" angehen, es kann nur besser werden (Y)
    Es wünscht Dir alles Gute, Kraft und Zuversicht
    Dieter

  • #3

    Damas (Mittwoch, 01 Juni 2016 09:04)

    Hi Anja,
    Du hast so recht. Ärzte sind manchmal sehr unpersönlich. Man Du) predigt um ein gutes, vertrauliches Verhältnis und Gespräch mit dem Doc. Aber der kümmert sich oft nicht, sondern guckt während des Gesprächs auf die Uhr. Solche Ärzte kannst Du in der Pfeife rauchen! Ich machte auch die Erfahrung, ( Neurologe) Erst ein Epileptologe in einem Epizentrum nahm mich ernst und gab mir meine Selbstsicherheit wieder. Es gibt auch weniger einfühlsame Ärzte, die meinen sie haben die Weisheit mit dem Löffel bekommen..... Mir sind Ärzte , die einem sagen dass Epilepsie schwer einzustellen ist, am liebsten. Die sind ehrlich. Ich habe einfach fokale Anfälle und (wahrscheinlich) dissoziative Anfälle. Ich kann einigermaßen damit leben, obwohl ich schon sehr eingeschränkt bin (viel zu langsam wegen der Medis). Aber ein "Seiltanz wie bei Dir ist es allemal, doch Du zeigst mit Deinem Beitrag realistisch die tatsächlichen "Schlaglöcher" unserer Krankheit auf. Ich gratuliere Dir für Deinen Mut, dieses in die Öffentlichkeit zu bringen. Bleib weiterhin mutig und selbstbewusst, ich weiß, dass Du immer°°positiv denkst. Ich wünsche Dir das Beste. Ganz liebe Grüße
    Damas