Wenn`s dem Esel zu doll wird, geht er aufs Eis und bricht sich ein Bein …

Diesen Spruch hatte ich mir schon öfter anhören müssen und ich wusste, dass er stimmt, aber irgendwie war er in meinem Kopf wie Schall und Rauch – ich vergaß es immer wieder.

 

Wenn ich in den vergangenen Monaten morgens aufwachte, war ich glücklich und dankbar, dass es mir so gut ging. Nach 11 Medikamentenversuchen, die allesamt mit nicht akzeptablen Unverträglichkeiten endeten, war ich nun frei davon und hatte mit Anfallsselbstkontrolle alles im Griff. Meine Allergie gegen die Medikamenten-Zusatzstoffe hatte also etwas Gutes und ich war stolz mir diese Eigenkontrolle über meinen Körper erarbeitet zu haben. Naja, genau genommen war es ein gutes Stück Arbeit gewesen, die mich viele Jahre Training gekostet hatte, aber es hatte sich gelohnt.

 

Nun war ich also anfallsfrei und durfte wieder Auto fahren. In meinem Kopf tobten schon die Zukunftspläne und ich vergaß nach und nach meine lauernde Epi. Meine Mitmenschen allerdings auch, und so wendete sich alles wieder in meinem Leben. Ich war nun wieder die Frau, die vor 15 Jahren alles schmiss. Seelsorger, Manager, Geschäftsfrau, Hausfrau, Mutter und neuerdings Schwiegertochter in Vollzeit. Da meine Schwiegermutter nun verwitwet war, war das Haus für sie zu groß und für uns zu weit weg.

 

Unser neues Projekt hieß also nun „Oma zu uns holen“ und wenn sich Jemand mit Umzügen auskannte, dann wir. Dank unserer Kinder und unseren eigenen Umzügen hatten wir Erfahrung im zweistelligen Bereich. Deswegen sollte auch das jetzt locker zu machen sein.

 

Und ich tat, was ich am liebsten tat: Managen und alles organisieren. Nebenbei noch räumen und Kisten schleppen und dazu das ganz normale Tagesgeschäft, das ja auch nicht liegen bleiben durfte. Dass ich zusätzlich als seelischer Abfalleimer der Nation prima funktionierte, war bekannt und auch gerne genutzt. Aber ich hatte alles im Griff. Ohne Frage.

 

Natürlich hätte ich merken müssen, dass mein Kopf mittlerweile immer mehr einem Tollhaus glich. Die Gedanken schwirrten und summten, meine Träume drehten sich nur noch um die Organisation und Arbeit und an erholsamen Schlaf war nicht mehr zu denken. Ich lag nachts stundenlang wach und mein wichtiger Mittagsschlaf fiel meiner Kopfkirmes zum Opfer.

 

Der Druck im Kopf wurde immer größer und kleinste Spitzen und Bemerkungen bauten sich zusätzlich als Lasten auf. Bis ich eines Tages an meiner eigenen Arbeit scheiterte. Drei Sätze musste ich auf einer Homepage aktualisieren und selbst das erschien mir nicht machbar. Langsam aber sicher baute sich etwas auf, das sich unbedingt entladen wollte. Ein Gefühl, dass ich erfolgreich verdrängt hatte. Ich versuchte nun also meine rechte Gehirnhälfte zu aktivieren, den drohenden Anfall umzulenken. Das klappte zwar, aber es war unfassbar anstrengend und ließ auch nicht nach. Atemübungen, Entspannungsübungen, alles versuchte ich, aber der Druck wollte nicht schwinden. Als ich merkte, dass ich das nicht dauerhaft durchhalten würde, nahm ich eine Tavor. Als sie endlich wirkte, war mir klar, dass ich diese Selbstkontrolle keine 5 Minuten mehr durchgehalten hätte. Dieser Anfall hätte mich überrollt wie eine Dampfwalze – und das nur, weil ich meinen eigenen Grundsatz mit Füßen getreten hatte. Auf seinen Körper hören und nicht auf die To do Liste oder andere Menschen.

 

Klar, es ist auch nicht einfach, Arbeiten zu ignorieren, die gemacht werden müssen. Die vielen Sprüche und Geschichten zu ignorieren und von sich fern zu halten. Den Kopf auf Kommando leer zu machen. Aber es ist dringend nötig, wenn man mit Anfallsselbstkontrolle arbeitet. Und nicht nur dann, auch wenn man Anfälle verhindern will und die eigenen Anfallsauslöser Stress und Schlafentzug sind.

 

Es ist gerade nochmal gut gegangen, doch ich musste die Bremse aprupt durchtreten. Manche haben verstanden, dass man nun nicht mehr alles auf mich abwälzen darf, Andere wieder fühlen sich auf den Schlips getreten. Was mich dann auch wieder belastet. Letztlich ist aber am schlimmsten, dass ich immer wieder eines solchen Weckrufs bedarf. Dass ich so leicht vergesse, übermütig werde und mich in völliger Selbstüberschätzung hochmotiviert in alle Aufgaben stürze. Aus 10 Aufgaben werden ganz schnell 100 und mein Kopf spielt Karussell. Damit es nicht noch Gewitter spielt, ist es wichtig, sich selbst zu besinnen. Immer wieder zwischendurch und nicht erst, wenn es eine Minute vor zwölf geschlagen hat.

 

Es ist furchtbar schwer daran zu denken und noch schwerer es durchzuhalten, schließlich haben wir keinen Gips, der uns immer wieder ermahnt, etwas langsamer zu machen. Aber es wäre so wichtig.

 

Was macht Ihr um Euch selbst zu zügeln? Habt Ihr etwas gefunden, dass Euch im Zaum hält, ohne Euren Spaß am Leben einzudämmen? Oder seid Ihr auch so wie der „Esel“ und ich?  

 

Ich bin gespannt auf Eure Rezepte,

 

Eure Anja

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Dieter (Freitag, 02 Februar 2018 13:24)

    ok Anja, Du gingst an die Grenzen. Ist ja nichts verwerfliches, aber drüber gehen ist verwerflich. Du weißt jetzt ab wann Dein Körper streikt, also sag zu allem knallhart >nein jetzt gehts nicht, komm wenns mir wieder besser geht<. Du hast viel geschafft, keine Anfälle, keine Medis, wieder Autofahren. Das ist genial, das bringen die allerwenigsten zustande. Aber denke immer dran, Dein Gehirn vergisst nichts, das ist so genial, dass Du sogar noch eine "Vollbremsung" machen konntest. Sei dankbar dafür, das es so glimpflich aufgehört hat. Hör auf Deinen Körper und hau die Bremse rein, auch wenn es Anderen nicht gefällt. Versuche Dir Gutes zu tun und nicht Anderen. Ich mach es so, habe schon Abende abgesagt, auch Veranstaltungen und Vorhaben bei Freunden. Das klappt, denn meine Familie ist mir wichtiger, die müssen mit mir leben. Und das geht nur gut, wenn ich auch auf sie höre. Ich wünsche Dir ein wenig Gelassenheit, Liebe Grüße von Lore und Dieter