Dem (Epi-) Leben einen Sinn geben

Hört Ihr auch manchmal einen der seltsam anmutenden Sätze, mit süffisantem Unterton, "Du musst ja Zeit haben", "was du alles machst ...", oder "dafür hätte ich gar keine Zeit" und bleibt Eurem Gegenüber entweder eine Antwort schuldig oder Euch rutscht eine eigentlich dämliche Antwort heraus?

 

Mir passiert das ganz oft und ich würde den Leuten gerne so etwas sagen wie "sei froh, dass Du gesund bist und eine Arbeitsstelle hast" oder "meinst Du nicht, ich würde gerne ein sicheres Gehalt mit späterer Rente haben?" Eigentlich wäre das die richtige Antwort, aber mir ist das zu dramatisch - das passt nicht zu mir.

 

Trotzdem, einen festen Job, mit netten Kollegen und sicherer Rente hätten wir wohl alle gerne und manchen von uns ist das auch vergönnt - und das ist toll. 

 

Einige von uns haben aber zu viele Anfälle um einen passenden Arbeitsplatz zu finden, haben zu ungewöhnliche Anfälle oder schlicht die Belastungsgrenze eines Marienkäfers. So wie ich. Ich sammele Krankheiten wie andere Leute Briefmarken, bin aber nicht bereit mich davon herunterziehen zu lassen. Und dann kommen solche Sprüche und tun genau das. Sie drücken meine Motivation und Laune für Tage und in meinem Kopf spukt die Angst vor dem Älter werden ohne vernünftige Rente. 

 

Dabei habe ich nicht wirklich zu viel Zeit, im Gegenteil. Ich bin oft gestresst und verpeilt, weil ich zu viel im Kopf habe. Ich nutze meinen Tag nur anders und versuche dem, was ich mache, trotzdem einen Sinn zu geben. Einen Sinn, mit meinen eigenen Möglichkeiten. Ich lebe das Leben, das ich habe, intensiver, genauer, bewusster. Weil ich es kann und weil es meinem Leben etwas gibt das viele andere auf ihrem Weg der Hektik verloren haben - einen Sinn!

 

Natürlich hat nicht alles was ich tue einen wirklich tiefen Sinn, manchmal sind es nur Sandkörnchen, die ich bewege, aber auch Kleinigkeiten können helfen und glücklich machen. Andere und mich. Oder wie sagte mein Opa immer (in einem anderen Kontext, aber es passt auch hier): "Kleinvieh macht auch Mist."

 

Morgens habe ich Kunden höheren Alters, denen ich den Umgang mit Handy und Computer beibringe. Klingt banal, ist es aber nicht für ältere Menschen. Diese Freude, wenn sie das erste mal mit dem weit entfernten Enkelkind skypen. Wenn sie sich informieren können oder virtuell den einen Ort besuchen, an dem sie glücklich waren. Das macht auch mich glücklich. Dann kann ich sehen, wie auch eine kleine Arbeit einen riesengroßen Sinn ergeben kann..

 

Mittags beschäftige ich mich oft mit Dingen rund um die Epilepsie. Und manchmal schaffe ich es sogar einem Menschen damit ein klitzekleines bisschen zu helfen und auch das gibt all der investierten Zeit einen wirklich schönen Sinn. 

 

Ganz wichtig ist mir auch, anderen Menschen eine Freude zu machen. Ich liebe die Freude in den Gesichtern meiner Lieben oder anderer Menschen. So etwas muss nicht immer ein gekauftes Geschenk sein, sondern kann ein selbst gebackener Kuchen oder etwas gebasteltes sein - oder ein Lächeln, das von Herzen kommt. Hand aufs Herz - wie fühlt Ihr Euch, wenn Euch wildfremde Menschen zulächeln und einen Gruß schenken? Wunderbar, oder?  

 

Früher habe ich meine Kinder vor Weihnachten bei ihren Spielsachen ein Teil aussuchen lassen, das sie einem Kind weiter schenken sollten, dem es nicht so gut geht. Schon die Beiden begriffen, wie schön es ist zu geben und auch heute käme es mir nicht in den Sinn Kleidung oder andere Utensilien einfach wegzuwerfen. Es gibt immer einen dankbaren Abnehmer. Und damit hat selbst das Entsorgen einen Sinn. 

 

Apropos Kinder, meine erwachsenen Kinder haben mich wunderbar erzogen. Ich versuche mittlerweile nachhaltig zu kaufen und ökologisch zu denken. Es gelingt mir nicht immer und manchmal tappe ich dann doch wieder in die alte Gewohnheitsfalle. Aber ich recherchiere viel über das Thema und bin erstaunt, wie viel ich durch diese Informationssuche schon zum Besseren umsetzten konnte. Wenn das keine sinnvolle Zeitinvestition in unsere Zukunft ist, dann weiß ich auch nicht. 

 

Lachen ist auch etwas sinniges. Ich versuche mir viel kindliches zu bewahren und auch über mich selbst zu lachen. Über meine Vergesslichkeit und meine Koordinationsstörungen genauso wie über meine Witze. Manchmal bin ich albern oder sogar unabsichtlich peinlich. Wenn andere dann mit mir lachen können - wohl bemerkt mit mir - nicht über mich, dann ist das toll, denn Lachen macht glücklich und schenkt angeblich sogar Lebenszeit.  

 

Selbst Pausen machen einen Sinn. Ihr kennt das bestimmt auch, der Kopf wird wieder ruhig und der Körper kann mit Übungen trainiert werden, die andere Beschwerden senken. Damit bin ich wieder belastbarer um meiner Familie, Freunden und oft auch fremden Menschen ein offenes Ohr zu leihen oder zu helfen. Ich bin achtsamer mit mir selbst, was überaus sinnvoll ist. Die eigene Achtsamkeit wird von vielen Menschen aber eher stiefmütterlich behandelt -  manchmal auch von mir - wie ich zugeben muss. Aber ich gelobe Besserung, was sehr sinnvoll wäre.

 

Genau genommen sind das nur einige wenige Beispiele, wie man bei beinahe allen täglichen Dingen, dem Leben einen Sinn geben kann. Manche Dinge sogar so intensiv, dass ganze Tage, Wochen oder Monate dabei draufgehen. Familie, Tierschutz, Umweltschutz, Flüchtlingshilfe, sammeln für Obdachlose, bis hin zu sammeln von Plastik, wenn man spazieren geht usw. Unglaublich viele Dinge geben unserem Leben einen Sinn. Man könnte das Thema mit vielen Ideen füllen und Inspirationen schaffen und ich würde mich freuen, wenn Ihr unten Eure Ideen oder Tätigkeiten erzählt. 

 

Sicher, ich habe keine Arbeitskollegen, kein festes Gehalt und kann nicht sicher sein, was mir das Alter finanziell bringt. Aber im Prinzip ist das auch das einzig relevante Manko, was mir die Krankheit gebracht hat. 

Der wirkliche Sinn des Lebens kann das aber unmöglich sein, der liegt ganz woanders.

 

Wenn ich also das nächste mal den wirklich dämlichen, süffisanten Kommentar hören muss. "was machst Du denn den ganzen Tag?", dann antworte ich: "ich gebe meinem Leben einen Sinn!" 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Dieter (Dienstag, 04 Dezember 2018 18:42)

    Liebe Anja,
    Du hast ja richtig philosophische, wenn nicht gar theologische Fragen angesprochen. Solche Fragen werden wohl nie richtig beantwortet werden, denn der Sinn eines Lebens könnte ich nur mit "Liebe" beantworten. Liebe Deinen Nächsten, aber liebe auch Dich selbst. Was Sinn ist und was sinnlos ist, kann ich nicht sagen. Wenn ich was völlig blödsinniges mache, dabei aber glücklich bin - macht das Sinn. Ich bin ja schliesslich auch im Alter vonn 77 Jahren, kann zum Thema also aus Erfahrung was sagen. Natürlich ist die Zukunft eines jeden ganz wichtig, aber man darf davor keine Angst haben. Ich bin weiss Gott kein Heiliger,, aber Glaube, Liebe und Hoffnung ist kein schlechter Weg.
    Wenn jemand ein schlimmes Ereignis bewältigt, hat es für ihn auch häufig auch einen Sinn.
    Ich mache nicht so viel wie Du (weil ich faul bin), aber ich bin relativ zufrieden. Wenn meine Nachbarn sich freuen, oder wenn meine Selbsthilfegruppe- Mitglieder gerne kommen, macht mich das zufrieden. Nicht zu vergessen die Familie, wenn die zusammenhält ist schon viel gewonnen. Das macht Sinn

  • #2

    Dieter (Mittwoch, 05 Dezember 2018 13:31)

    was ich noch unbedingt sagen muss: Das Bild von Dir (oben) sagt eigentlich alles aus ;-) Den Schalk im Nacken, die Lebenslust, dem Mut für "Blödsinn", und die Freude trotz aller Nackenschläge. Behalte das bei, das passt zu Dir wie angegossen !