„Wer sich den Berg nicht hinaufgekämpft hat, wird nie erfahren wie die Aussicht dort oben ist“

(Medikament Nr. 11 oder 12?)

 

Man kann mir ja sicherlich viel vorwerfen, auch beim Thema Epilepsie lasse ich mir nicht viel verbieten, aber eins kann man mir absolut nicht vorwerfen – das ich nicht alles versucht habe um anfallsfrei zu werden.

10 Medikamente, Anfallsselbstkontrolle, CBD Öl und größtmögliche Vermeidung aller meiner individuellen Auslöser habe ich durch, bis ich schlussendlich, vor 2 Jahren, meine Medikamentenfreie Phase begonnen habe. Physisch und psychisch fühlte ich mich richtig gut damit. Und eine Zeit lang hatte ich die Anfälle auch gut im Griff, aber es war auch schon superanstrengend. Dazu nicht immer von Erfolg gekrönt.

 

Die Coronazeit und die Sorgen um meine schwangere Tochter und Schwiegertochter, bzw. später die Babys, nagten scheinbar auch irgendwie an mir. Eine Tia (ein kleiner Schlaganfall) war auch nicht unbedingt zur Entspannung geeignet und letztendlich wurde unsere heißgeliebte Hündin sehr krank und wir mussten sie gehen lassen. Das gab mir den Rest. Meine Anfälle wurden häufiger und stärker und ich tat das, was ich eigentlich bereits vor 2 Jahren als letzte Option im Hinterkopf hatte. Ich versuchte tatsächlich noch ein letztes Medikament, was damals bereits im Raum stand.  

 

Man kennt den Spruch über die Nebenwirkungen – zerreißen Sie den Beipackzettel oder erschlagen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Letztere mag ich Beide, da versuche ich lieber nett zu sein – aber den Beipackzettel, den verdamme ich tatsächlich. Ich habe bemerkt, dass sich schnell mal übervolle Beipackzettel – oder einzelne Passagen dessen – ins Hirn brennen und man überall Nebenwirkungen wittert, selbst wenn da gar keine sind. Aus diesem einfachen Grund führe ich Tagebuch, ohne den Beipackzettel gelesen zu haben. Letzteren gebe ich vertrauensvoll meinem lieben Mann. Sollten sich  unerwünschte Wirkungen entwickeln, darf mein Mann nachschauen, ob diese in besagtem grauen Waschzettel stehen oder nicht.

Völlig tiefenentspannt begann ich also mit der Einnahme des ersten kleinen runden Pillchens.

Ich meine, was soll ich mich auch verrückt machen, bei meinem Sammelsurium an Krankheiten nehme ich sowieso schon etliche Pillchen, Tabletten und Sprays ein. Und was Nebenwirkungen angeht, bin ich ein wahrer Stand-up Comedian. Ich habe schon halluziniert, Massen zugenommen, abgenommen, war ein Drachen oder zu Tode betrübt, wieder pubertär und hatte einen Teint wie ein Streuselkuchen, vergesslich, wirr und total daneben. Ich erwartete also nichts, was ich oder mein Umfeld nicht schon kannten. Apropos – mein Umfeld war nicht ganz so entspannt wie ich, so manche Nebenwirkung fanden diese so gar nicht lustig. Aber die Entscheidung stand und ich würde mich nicht davon abbringen lassen, bevor ich es nicht probiert hatte.  

Ein Glas Wasser, ein klitzekleines Pillchen und eine Stunde später hieß es „Huiiiii, ab geht die Fahrt“ Ich taumelte und schwankte, nahm es aber sehr gelassen, denn mir war klar – das geht vorbei. Für diese Gefühle mussten Andere Unmengen als Alkohol konsumieren oder ins Phantasialand. Doch tags darauf war es schon wieder vergessen und meine Wahrnehmung wieder normal. Bis ich das nächste Pillchen nahm und Huuiii … weiter gings. Dazu war mir noch leicht übel, aber auch das – ich wusste es – das ging vorbei. 1 Woche später war aus meinem „Huiii“ ein läppisch „Upps“ geworden und eine weitere Woche später merkte ich garnichts mehr. Nichts, nada – überhaupt garnichts! Wow. Ich konnte es nicht fassen, ich vertrug die Tabletten. Keine Verwandlung zum Drachen, keine Halluzinationen, keine Unfälle aufgrund fehlender Koordination, nichts! Außer …

 

Außer einem Anfall von Größenwahn. Ich meinte tatsächlich, dass eine frischgebackene 51jährige Doppel-Omi, die nach ihrer Tia eigentlich allen Stress vermeiden wollte, in der Lage wäre, einen völlig unvorbereiteten, 8 Wochen alten Border Collie Mix Welpen zu adoptieren. Ich nehme es hier schon einmal vorweg. Soviel Stress hatte ich zuletzt vor 29 Jahren, damals mit einem Säugling und einem 2jährigen. Seit 4 Wochen lasse ich mich beißen, ignoriere herzzerreißendes Jammern (nach Hundeschule muss das so sein), stehe nachts 3-5x auf, erziehe und entferne Pipi und Häufchen von Dingen und Orten, wo sie nicht hingehören.

Das Kardio Training, das ich zur Behandlung und Prävention von gesundheitlichen Defiziten 3x pro Woche zelebrierte, schrumpfte von 5 Wochenstunden auf 30-45 Minuten. Die gesunde Ernährung machte schnell verfügbarem Zucker Platz und ich bin so müde wie noch nie. Aber: In 4 Wochen zwei kleine Anfälle, das wars. Trotz dauerhaftem Stress und Schlafentzug hatte ich nur 2 kleine Anfälle. Bis jetzt halten die Tabletten also endlich was sie versprechen und ich bin richtig guter Hoffnung. So gut wie schon lange nicht mehr – Und meine Familie hat sich auch noch nicht beschwert – Ich bin sehr gespannt wie es weiter geht und freue mich auf eine hoffentlich anfallsfreie Zeit mit einem wohlerzogenen Hund, der meine zuckersüßen Enkel hüten darf. Ich schaffe das! 


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Kommentare: 2
  • #1

    dieter (Dienstag, 27 Oktober 2020 10:24)

    Oh mein Gott Anja, Du machst ja fast alle Krankheiten die es gibt durch. Trotz Deines riesen Willen habe ich da ein ungutes Gefühl, denn solche "Tiefschläge" sollte man wirklich ernst nehmen. Ich will Dir bestimmt nicht vorleiern was für einen Epileptker enorm wichtig ist, aber Ruhephasen und genügend Schlaf solltest Du Dir schon gönnen. Du mußt jetzt Deine kleinen Enkelkinder genießen und natürlich die ganze liebe Familie. Hinzu kommt noch die kleine Welpe, die Du auch knuddeln kannst. Den Berg und sei er noch so steil, den schaffst Du. Denn die Aussicht wird wunderschön sein, Deine Familie mitsamt den Enkeln und Hündin werden es Dir tausendmal danken. Diese Aussicht lass Dir ja nicht nehmen. Und wir alle brauchen Dich auch als gute Ratgeberin. Ich wünsche Dir Mut, Glück und viel Gesundheit,
    Lore und Dieter

  • #2

    Marianne Tischer (Dienstag, 27 Oktober 2020 20:55)

    Bin selber nicht betroffen aber meine Tochter.
    Das ist so toll geschrieben. Sehe in deinen Beschreibungen wie du dich manchmal fühlst, meine Tochter und in den Dingen wie du lebst, mich selber. Danke für diesen amüsanten Text.
    Bleib in dieser zurzeit verrückten Welt gesund��