Psychische Talfahrten

Ich schreibe diesen, für mich, ungewöhnlichen Blog, weil ich denke, dass es gerade Viele da draußen gibt, denen es genauso geht wie mir. Die nach außen weiter fröhlich und stark sind, innerlich aber langsam brechen. Die nicht drüber reden wollen oder können.

 

Eigentlich zeige ich diese Seite von mir sehr ungerne, aber ich glaube, alleine das Wissen, dass wir nicht alleine sind, kann uns helfen. Jedenfalls hoffe ich das und freue mich auf Eure Kommentare.

 

Vielleicht ist es bei Euch ähnlich? Tagsüber lenkt Ihr Euch mit vielen Dingen ab, geht spazieren, lest ein Buch oder arbeitet. Was nützen auch alle Grübeleien über Dinge die man sowieso nicht ändern kann. Man kennt seine Erkrankungen, weiß damit umzugehen und Corona schaffen wir auch noch. Aber nachts im Bett … da kommen sie … die Gedanken, Gefühle, Ängste. Ungehindert, ungefiltert, massiv. Und in diesen Momenten ist nichts mehr sicher und die Angst klammert.

 

Meist schiebe ich diese Gedanken spätestens morgens wieder zur Seite, gehe raus, lächle und bin stark. Meist stark für Andere. Doch langsam ertappe ich mich immer mehr dabei wie die Ängste bleiben, die Tränen immer öfter fließen, wie ich mich nicht mehr aufraffen kann. Meine To do Liste ist lang. Spiel mal wieder Gitarre oder Flöte, male was oder schreibe. Schreib Kinderbücher, plane Deinen Garten usw. Doch es passiert nicht viel davon. Genau gesagt hab ich bisher nur eins geschafft und das mit sehr viel Druck, weil es draußen für unsere Enkelbabys sicher werden soll. Für den Rest kann ich mich nicht aufraffen. Der Kopf ist leer und taub, der Antrieb weg.

Nur eins versuche ich immer wieder einzubauen und das ist das Laufen. Ich laufe nicht mehr so häufig und enthusiastisch wie im Sommer, aber wenigstens überkommt es mich ab und zu und ich befreie meine Seele vom Druck.

Zwischenzeitlich kommen sie dann, die Anfälle. Epileptische Anfälle, asthmatische Anfälle, dissoziative Anfälle. Dazu noch ein paar Schübe von Athrose in Fingern und Knien, vielleicht weil Laufen mir ja so gut getan hat. Ironie aus. Und wieder bin ich ausgebremst.

 

Ich sammele seit meiner frühen Kindheit Krankheiten und ignoriere auch schonmal das Eine oder Andere, weil ich einfach keine Lust mehr auf Arztbesuche habe, oder weil es mir langsam zu blöd ist - nur das Asthma und die Krampfanfälle lasse ich kontrollieren. Für alles andere gibt’s Pillen auf Rezept und Humor nach meinem Geschmack. Mein schräger Sinn für Humor half mir fast immer dabei.

 

Jedoch merke ich deutlich wie ich mich verändere. Der Umgang mit Corona macht mich bitterer, ängstlicher und wütender. Dabei ist es nicht Corona wovor ich Angst habe, es ist die Angst vor der Atemnot die mich fertig macht. Seit ich als Kind eine Tracheotomie hatte, begleitet mich mein Asthma und die Anfälle von Atemnot. Und ich mag sie nicht sonderlich. Corona ist für mich nicht gleichgesetzt mit einem Virus, gegen den man demonstrieren kann, sondern mit Erstickungsangst. Und das wiederum schnürt einem schon vorher buchstäblich die Luft ab. Und da ist sie wieder, die Psyche und die Urangst.

 

Beinahe ein Jahr habe ich alles getan um mich zu schützen. Mein Mann kauft ein, ich treffe keine Freunde und sehe meine Eltern nur noch über den Gartenzaun. Das fällt mir schwer, sehr schwer, aber ist zu unserem Schutz. Seit dem Sommer mehren sich meine Krampfanfälle und ich versuche medikamentös gegenzusteuern. Mittlerweile weiß ich, egal wieviel Tabletten ich schlucke und mich damit noch schlechter fühle, die Anfälle werden davon nicht weg gehen. Im Gegenteil, es werden immer mehr. Meine Psyche rebelliert. Und mein Humor versagt immer mehr.

 

Dank einer TIA im letzten Jahr habe ich, laut meinem Arzt, ein erhöhtes Schlaganfallrisiko und soll keinen Stress zulassen. Das sollte ja kein Problem sein, Stress ist ja auch Gift bei Krampfanfällen, also wäre das keine Umstellung. Wäre, wenn und sollte. Das war der Plan. Ich habe aber auch erlebt, was es heißt, während Corona in einer Klinik zu liegen. Verkabelt, verklebt, wenn es überall piepst. Während man schreckliche Angst hat darf man keinen Besuch bekommen. Gegen Stress wirkt das = null!

 

Auch die Corona Leugner treiben meinen Puls in die Höhe. Ich habe nichts dagegen dass sie Corona leugnen, aber dass sie mit ihrer Ignoranz Andere gefährden, damit habe ich sehr wohl ein Problem. Meine beiden Kinder stehen an vorderster Front und man dürfte mich momentan nicht auf solche Menschen los lassen, sonst würde meine gesamte Wut auf dieses Virus sich Bahn brechen. Mütter eben.

 

Hier macht sich meine komplette Hilflosigkeit breit. Während die Einen das Haus kaum noch verlassen, weil sie um ihre Gesundheit oder die ihrer Lieben bangen, scheren sich Andere einfach nicht darum. Diese Menschen gibt es aber nicht nur unter Corona Leugnern, sondern auch unter Menschen, denen Solidarität einfach fremd ist.

 

Aber ich habe mich mit der Hoffnung auf die Impfung getröstet. Davon werde ich zwar auch nicht gesünder, aber es nimmt mir ganz viel Stress und Risiko raus, das mich noch kränker machen kann. Oder anders gesagt, würde mir rausnehmen. Ich habe zwar Erkrankungen, die mich zu einer früheren Impfung berechtigen, aber genau einen Tag, nachdem ich das Attest vom Arzt hatte, wurde Asthma Bronchiale in Prioritätsgruppe 3 zurückgesetzt. Mein Arzt schüttelt zwar den Kopf darüber, das nützt jetzt aber wenig.

Mich hat der Gedanke getröstet, dass zuerst die Menschen dran kommen die schlimmere Krankheiten haben als ich, was ich gut akzeptieren kann und was absolut richtig ist. Wenn ich aber höre, dass viel mehr Menschen geimpft und geschützt werden könnten, wenn die überbordende und teils unlogische Bürokratie nicht wäre, dann macht mich das unendlich sauer und nimmt mir jegliche Hoffnung auf baldige Besserung. Und da ist sie wieder, meine Psyche.

 

Ich glaube, dass der psychische Schaden, der durch die mangelnde Umsetzung zum Schutze vor Corona entsteht, uns noch sehr lange nachhängen wird und Schlimmeres. Egal ob es um gesundheitliche, familiäre oder wirtschaftliche Schäden geht.

 

Wenn ich down bin, dann helfen mir die winzigen Gesichter meiner Enkelbabys und die Vorfreude auf das Nächste. Dieses Aufrichten hält zwar nicht ewig an (die Psyche hat eigene Gesetze), aber ich bin dadurch gesegnet und mir ist bewusst, dass nicht Jeder dieses oder ähnliches Glück hat.

 

Fühlt Euch Alle gedrückt da draußen und erzählt gerne von Euch*. 

 

 Eure Anja 

 

(*Corona leugnende Beiträge oder Ähnliches tun Niemandem gut und möchte ich auf meiner Seite nicht unterstützen- werden also gelöscht) 

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Kommentare: 4
  • #1

    dieter (Donnerstag, 04 März 2021 13:01)

    Hallo Anja ich habe gerade auch einen Blog geschrieben, der schneidet dieses Thema auch an. Ich weiß dass Du ein positiver Mensch bist, und nicht gleich rumjammerst. Es ist sehr schwer hier irgendetwas zu sagen, denn hier helfen Worte nicht viel, gerade in so einem öffentlichem Blog. Ich kann Dir also nur rat, bllen, den Kopf hoch zuhalten. Aber Du weißt ja sowoeso mehr über dieses Thema als ich. Lass Dich ja nicht gehen bleib die Anja so wie wir sie kennen. (Bruscht raus un Arsch nei) :-)
    Grüßle Dieter

  • #2

    Anja (Donnerstag, 04 März 2021 15:37)

    Ich habe Deinen Blog gesucht, Dieter. Hast Du ihn vielleicht nicht veröffentlicht?

  • #3

    dieter (Donnerstag, 04 März 2021 16:59)

    in der Hompage ist es noch nicht, aber in meiner FB Gruppe

  • #4

    Marco (Freitag, 05 März 2021 17:58)

    Hallo Anja,
    trotz Corona-Leugner und all den anderen Problemen die du in dem Blog schilderst geht es weiter.
    Das mit der Priorisierung finde ich auch komisch. :-0
    Trotz allem wünsche ich dir, dass deine Psyche gesund bleibt.
    Wir bleiben ja digital verbunden.

    LG